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Frankreich – Deutschland: Verfeindete Brüder (1)?

Im vergangenen Juni hatten wir das Vergnügen, einen unserer Texte in der Zeitung "Journal l'Entreprise" [1] zitiert zu finden: "Hören wir damit auf, gegenüber Deutschland Komplexe zu haben. Machen wir die Dinge auf unsere Art und Weise." Dieses von unserem Blog in eine monatlich erscheinende Fachzeitschrift für Unternehmen mit einer Auflage von mehreren Tausend Exemplaren übernommene Zitat zeigt das von Neid getrübte und mit einem guten Teil Gereiztheit gepaarte Interesse, das deutschen Unternehmen, von allen Regierungen als beispielhaft zitiert, von französischen Unternehmen entgegenschlägt.

Dies geht so weit, dass dieselbe Fachzeitschrift entschieden hat, Deutschland gleich mehrere Artikel [2] zu widmen, unter ihnen einen sehr ausführlichen.

Gleichzeitig veröffentlichte die Zeitschrift "Der Spiegel" einen Artikel über Frankreich mit dem Titel "France's Obsession with the Past Hinders Reform", der sehr herablassend und ironisch Kritik an Frankreichs Festhalten an der Vergangenheit und unseren angeblichen Schwierigkeiten, uns der globalisierten Wirtschaft anzupassen, übt.

Unsere intensiven Geschäftsbeziehungen erklären diese Anziehung und zugleich Verachtung zwischen Frankreich und Deutschland: Unser Nachbar ist in der Tat unser größter Kunde und größter Lieferant, viertgrößte Weltmacht und drittgrößter Importeur der Welt.

Die kürzlich nach dem Weltwirtschaftsforum erschienen Zahlen der weltweiten Attraktivität [3] unterstreichen zusätzlich den erheblichen Abstand zwischen unseren beiden Ländern: Deutschland nimmt in Bezug auf Attraktivität den 6. Platz ein [4], während Frankreich nunmehr auf Platz 21 liegt.

Wie kann man einen solchen Abstand zu unserem Nachbarn in der Rangliste unserer wirtschaftlichen Leistungen erklären, einem Nachbarn, der zugleich Feind als auch Freund und Bruder ist, und dies angesichts unserer gemeinsamen Vergangenheit, bezüglich der ein Besuch des Deutschen Historischen Museums in Berlin bereits ausreicht, um sich über die Intensität und Kontinuität unserer Bindungen seit Ludwig XIV., ja sogar seit der Reformation, klar zu werden?

Unsere juristischen Systeme geben hierfür das beste Beispiel: Unsere deutschen und französischen Zivilrechte basieren beide auf dem romanischen Recht, und die von Napoleon 1804 in Frankreich geschaffene Kodifizierung inspirierte direkt die Deutschen, die ihr Zivil- und Handelsrecht Ende des 19. Jahrhunderts ebenfalls kodifizierten.

Wenn man nun anschließend einen Vergleich unserer Gesellschaftsrechte anstellt, braucht sich Frankreich, unkompliziert bei der Gründung von Gesellschaften, nicht zu schämen, da die beiden beliebtesten Gesellschaftsformen in Frankreich (die SARL und die SAS) innerhalb von wenigen Tagen und mit nur einem Gesellschafter und ohne Mindestkapital gegründet werden können. Ist das ein Trumpf oder ein Problem, da man ja die Zerbrechlichkeit einer unterfinanzierten Gesellschaft kennt, die mit einem einzigen Gesellschafter ihre Tätigkeit aufnimmt?

Richtig ist, dass die SAS eine besonders flexible Gesellschaftsform ist, auf Unternehmer zugeschnitten, die ihre Gesellschaft ihrer Tätigkeit anpassen wollen, da es bezüglich dieser Gesellschaftsform sehr wenige verpflichtende gesetzliche Bestimmungen gibt. Die Vertragfreiheit der Gründungsgesellschafter ist demzufolge sehr groß. Es existiert keine Gesellschaftsform in Deutschland, bei der die Vertragsfreiheit sehr weit geht.

Weiterhin gibt es die Systeme des individuellen Unternehmertums in Frankreich, von der EURL bis zum „Auto-Entrepreneur“, die es einem erlauben, zu „üben“ und das wirtschaftliche Modell der neuen vorgestellten Tätigkeit zu testen (zweifelhaft, ob dies immer so effizient ist), bevor die Gesellschaftsgründung angegangen wird.

In Deutschland existieren zwei Formen der GmbH (Äquivalent zu SARL), wobei die kleinere Form bereits mit einem Stammkapital von EUR 1,00 gegründet werden kann. Die GmbH wird oft von ausländischen Gesellschaften zur Ansiedlung in Deutschland genutzt. Die großen Firmen, die sich in Deutschland niederlassen, ziehen die AG (SA) mit einem Mindestgrundkapital von EUR 50.000,00 vor, wohingegen dies in Frankreich für die SA nur EUR 37.000,00 sind. Die Modalitäten der Abtretung der Anteile an einer französischen und einer deutschen SA (AG) sind ziemlich ähnlich, ebenso wie die Governance-Regeln von juristischen oder natürlichen Personen. Wobei Unternehmer in Frankreich immer seltener eine SA gründen, eine Gesellschaftsform, die in der Praxis immer mehr von börsennotierten Gesellschaften genutzt wird.

In Deutschland wie in Frankreich ziehen viele Unternehmer die SARL bzw. GmbH vor. Die SARL ist weiterhin die von Franzosen meistgewählte Gesellschaftsform, wenn sie ein kleines oder mittelständisches Unternehmen gründen. Gemäß dem INSEE betrug der Anteil der im Jahr 2011 als SARL gegründeten Gesellschaften in Frankreich 79%, und der Anteil der als SAS gegründeten Gesellschaften 16%.

In Bezug auf das Steuersystem haben im August 2011 Bundeskanzlerin Angela Merkel und Präsident Nicolas Sarkozy beschlossen, die Bemessungsgrundlagen und Steuersätze der beiden Länder einander anzunähern.

In Deutschland zahlen die Unternehmen einen Körperschaftsteuersatz von 15%. Ferner zahlen deutsche Unternehmen eine Gewerbesteuer, die der Gemeinde zufließt, und zwar in Höhe von 13,65%, sowie einen Solidaritätszuschlag (in Höhe von 5,5%), wodurch sich eine reale Steuerlast von 29,5% ergibt. Die Körperschaftsteuer hat einen anderen Umfang als in Frankreich aufgrund der Wichtigkeit von Personengesellschaften, welche nicht wie die Kapitalgesellschaften Körperschaftsteuer zahlen.

In Frankreich beträgt der normale Körperschaftsteuersatz 33 1/3 %, und es gibt einen ermäßigten Steuersatz in Höhe von 15% für kleine und mittlere Unternehmen, deren Gewinn EUR 38.120,00 nicht übersteigt. Bei großen Firmen kommen zur Körperschaftsteuer eine Sozialabgabe in Höhe von 3,3%, eine außerordentliche Abgabe in Höhe von 5% der geschuldeten Körperschaftsteuer (anwendbar bis 2013) sowie die Wertschöpfungssteuer (CVAE) hinzu, was insgesamt zu einem Gesamtsteuersatz von 42,4% bis 44,1% führt.

Maßgebliche Unterschiede zwischen Deutschland und Frankreich im Handels- und Wettbewerbsrecht werden in der nächsten Ausgabe erläutert.

Autor des französischen Teils: Me Cécile Dekeuwer (c.dekeuwer@lexinit.com)

[1]       Journal l’Entreprise, Nr. 312, Juni 2012, Seite 12

[2]       "L’Allemagne, un géant qui résiste", "Les clés du marché allemand en 2012" und „Les Allemands, mode d’emploi“ – Journal l'Entreprise, Nr. 315, Oktober 2012

[3]       The Global Competitiveness Report 2012-2013, World Economic Forum

[4]       Nach der Schweiz auf Nr. 1, Singapur auf Nr. 2, Finnland auf Nr. 3, Schweden auf Nr. 4 und den Niederlanden auf Nr. 5

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